Pressespiegel // Ostseezeitung Mittwoch, 24. Juli 2008
Der Politologe Dr. Gideon Botsch gab am Dienstag im Filmbüro einen
gut strukturierten Überblick über Besonderheiten, Strategien und
Programmatik der rechtsextremen NPD. „Sie wurde bereits 1964 gegründet
und ist eine der ältesten Parteien in der Bundesrepublik“, sagte Botsch.
„Daher verfügt sie über erfahrene Parteikader und -strukturen.“ Was die
Basis, Funktionäre oder Mandatsträger betreffe, sei die NPD zugleich
eine der jüngsten Parteien. „Sie lebt von der Aktivität unten, denn sie
hat wenig Geld.“ Seit 1969 gebe es die Nachwuchsorganisation „Junge
Nationaldemokraten“, die als Bindeglied zu den „freien Kameradschaften“
fungieren. „Erst 2006 kam man auf die Idee, dass es gut wäre, eine
Frauenorganisation zu gründen: den ,Ring Nationaler Frauen’“, sagte der
Berliner Politologe. Er beschrieb die vom NPD-Bundesvorsitzenden Udo
Voigt nach seiner Wahl 1996 entworfene Säulen-Strategie, die zunächst
auf drei Säulen stand: Der „Kampf um die Köpfe“ zielt angesichts des
beschränkten Zugangs zu Massenmedien und öffentlichen Räumen auf die
Nutzung demokratischer Veranstaltungen für eigene Propaganda. Beim
„Kampf um die Straße“ geht es darum, sich durch regelmäßige Aufmärsche
oder Informationsstände in der Öffentlichkeit präsent zu halten. Und im
„Kampf um die Parlamente“ will sich die anti-parlamentarische NPD
lediglich eine breitere Basis für Propaganda verschaffen. 2004
erweiterte die NPD ihre Strategie um eine vierte Säule. Als „Kampf um
den organisierten Willen“ bezeichnet sie den „Versuch, das zersplitterte
rechtsextreme Lager zu einen“, so Botsch.
Der Rechtsextremismusfachmann nannte bei der Beschreibung der
NPD-Programmatik unter anderem die „scharfe Agitation gegen das
sogenannte Finanzkapital“ und die Forderung nach zwangsweiser
„Ausländerrückführung“. „Das ist nichts anderes als eine Deportation“,
machte er deutlich. Basis für die Bildungspolitik sei die „Anerkennung
und Achtung der natürlichen Ungleichheit der Menschen“. War sein Vortrag
bis dahin der eines nüchtern analysierenden Wissenschaftlers, so konnte
er seine Abscheu nicht mehr verbergen, als er ein Foto von der
„Heimattreuen Deutschen Jugend“ an die Wand warf, in der die NPD
sogenannte „nationale Erziehung“ betreibt: „Jeans sind verboten. Die
Kinder tragen eher ein graues Hemd, keinesfalls Glatze, lieber einen
blonden Seitenscheitel“, sagte er. „Die Organisation macht
paramilitärische Ausbildungen in ihren Camps. Sie indoktriniert die
Kinder.“ Weitere Kennzeichen der NPD sei eine „aggressive
Judenfeindschaft“ sowie ein genereller Hang zu
Freund-Feind-Konstruktionen. Die Angst sei ein Schlüsselfaktor für die
NPD. „Sie haben Angst – vor der Gegenwart, der Zukunft – und verursachen
deshalb selber Angst“, so Botsch. In der anschließenden Diskussion
machte Jochen Schmidt, Direktor der Landeszentrale für Politische
Bildung, klar, dass Deutschland ohne Zuwanderung gar nicht auskäme, „sie
bedeutet Zukunftssicherung“. Karl Georg Ohse vom Regionalzentrum
Ludwigslust bezeichnete die NPD als „Weltanschauungspartei. Sie führen
ihren Kampf als Fanatiker, ihnen ist mit rationalen Argumenten nicht
beizukommen.“ U. OEHLERS